01/2019

Mit Kopf, Herz und Hand: Die Hermann-Lietz-Schulen

Internate können eine willkommene Alternative zur öffentlichen Schule sein. Das gilt auch für die Hermann-Lietz-Schulen, die gleich zweimal in Osthessen vertreten sind und deren pädagogisches Konzept einen hervorragenden Ruf genießt. Ein Blick hinter die Kulissen dieser Bildungseinrichtungen macht deutlich, warum diese Internate seit vielen Jahrzehnten so geschätzt werden.

Wie kann man Großstadtkindern ein schulisches Umfeld bieten, das ihre Entwicklung fördert? Aus dieser Frage heraus entwickelte der Lehrer Dr. Hermann Lietz (1868-1919) Ende des 19. Jahrhunderts das Konzept der Landerziehungsheime. Dabei inspirierten den Sohn eines Landwirts eigene Erfahrungen, die er an der Schule Abbotsholme in England gesammelt hatte, einer der Keimzellen der  sogenannten Reformpädagogik. In einem geschützten Raum in ländlichem Umfeld wollte man Kindern optimale Entwicklungsmöglichkeiten bieten. 1898 gründete Hermann Lietz im Harz das erste deutsche „Landerziehungsheim“. In Spitzenzeiten trugen später acht Schulen seinen Namen. Heute sind es vier, eine davon im Landkreis Fulda.

Ganzheitlicher Ansatz

Am Grundgedanken der Schule im Grünen hat sich bis heute nichts geändert. Das pädagogische Konzept der Lietz-Schulen basiert auf den Säulen Kopf, Herz und Hand. Neben der Wissensvermittlung (Kopf) tritt die Empathie (Herz). Und die Ebene des Verstandes soll bewusst durch praktische, handwerkliche Tätigkeiten ausbalanciert werden (Hand).    

Alle Hermann-Lietz-Schulen liegen mitten in der Natur. Neben den jahrgangsüblichen Unterrichtsfächern betätigen sich die Schüler einige Stunden pro Woche auch handwerklich. Dabei wählen sie aus bis zu 50 verschiedenen  Aktivitäten aus, wie zum Beispiel Töpfern, Klettern, Gesang oder Theater.  

Jeweils 8 bis 10 Schülerinnen und Schüler bilden eine Familie, die von einem Lehrer oder einer Lehrerin geleitet wird. Die Pädagogen wohnen auf dem Schulgelände und bei allen Mahlzeiten sitzt die Familie zusammen an einem Tisch.  Einmal wöchentlich gestaltet die Gemeinschaft einen gemeinsamen Abend, kocht miteinander oder macht einen Ausflug.

Es gibt unterschiedliche Gründe, warum Eltern ihre Kinder auf eine Hermann-Lietz-Schule schicken. Oft suchen sie eine Alternative zum staatlichen Schulsystem sowie eine individuellere Begleitung ihrer Kinder. An einer Privatschule mit Klassen von maximal 15 Schülern kann man Jugendliche intensiver und vor allem auch individueller fördern und betreuen. Viele Jugendliche, die zuvor Schwierigkeiten hatten, starten unter solchen positiven Vorzeichen durch. Dass das Rundum-Paket eines privaten Bildungsträgers Schulgeld kostet, liegt auf der Hand. Ein gewisser Anteil der Schüler erhält aber auch ein Stipendium.

Mit Qualität im Wettbewerb

Der wirtschaftliche Druck sei heute größer als früher, sagt der kaufmännische Geschäftsführer der Schulen, Alfred Schwalbach. Dabei macht den Hermann-Lietz-Schulen weniger die Konkurrenz anderer Internate zu schaffen als vielmehr der Trend zum Ganztagsunterricht in den öffentlichen Schulen. Denn viele Paare, bei denen beide Elternteile berufstätig sind, haben sich auch deshalb für ein Internat entschieden, damit ihre Kinder hier den Tag über betreut werden. Wenn staatliche Ganztagsschulen das nun ebenfalls bieten ( sogar kostenlos), entfällt ein Argument für das Internat.

Den Rückgang deutscher Schüler können die Hermann-Lietz-Schulen jedoch anderweitig wettmachen: Etwa 15 Prozent der Schülerinnen und Schüler der Internate stammen inzwischen aus China. Deutsche Internate haben dort einen hervorragenden Ruf. Um aufgenommen zu werden, müssen die jungen Asiaten zuvor einen intensiven Sprachkurs am Humboldt-Institut absolvieren. Viele der asiatischen Schulabsolventen studieren dann hinterher auch in Deutschland, zumeist technische Fächer.

So herrscht an den drei Hermann-Lietz-Standorten reges Leben. Jede Schule hat ihr eigenes Profil, aber die gleiche pädagogische Basis. Die Grundidee, dass ein geschütztes Umfeld und ein ganzheitliches Konzept die Entwicklung junger Menschen fördern, ist immer aktuell geblieben.

Lietz Internat Hohenwehrda (Landkreis Fulda)

Das idyllisch gelegene Internat in der Gemeinde Haunetal umfasst die Jahrgangsstufen 5 bis 12. Auf Hohenwehrda geht es besonders kreativ zu. Das Motto „Tasten, Töne und Theater“ gibt die Richtung vor. Die Schülerinnen und Schüler lernen hier (mindestens) ein Instrument, können im Chor singen und im Fach „Darstellendes Spiel“ Erfahrungen auf der Bühne sammeln. 2018 hat die Theatergruppe des Internats bei den Hessischen Schultheatertagen in Schlitz wieder einmal eine sehr gute Platzierung erreicht.

Das Internat besuchen aktuell rund 110 Schülerinnen und Schüler. 

Energie

Alle Hermann-Lietz-Schulen erhalten den Strom für Beleuchtung, Geräte und Maschinen seit vielen Jahren von der RhönEnergie Fulda.

www.lietz-schulen.de

Lietz Internat Schloss Bieberstein (Landkreis Fulda)

Das auf einer Bergkuppe in der Gemeinde Hofbieber liegende Internat ist eine der markantesten Landmarken der Hessischen Rhön. Schloss Bieberstein wurde im frühen 18. Jahrhundert im Auftrag der Fuldaer Fürstäbte von Johann Dientzenhofer errichtet, der auch den Fuldaer Dom gebaut hat. 1904 erwarb Dr. Hermann Lietz das Anwesen.

Auf Schloss Bieberstein hat die Oberstufe (Klassen 10 bis 13) ihren Sitz. Eine Spezialität ist der Leistungskurs Wirtschaftswissenschaften, der die Schüler gezielt auf ein Studium der Volks- und Betriebswirtschaft vorbereitet.

Auf Bieberstein ist zudem das halbjährige Programm „E-International“ angesiedelt. Das Besondere daran ist, dass die Teilnehmer im ersten Halbjahr der Einführungsphase nacheinander Stationen in verschiedenen Ländern absolvieren, darunter Spanien, Südafrika und Nepal. Hier sammeln sie bei praktischer Arbeit projektbezogen wertvolle Erfahrungen in fremden Kulturen. Parallel erarbeiten sie sich per E-Learning den schulischen Stoff, so dass sie das Schuljahr trotz der langen Abwesenheit nicht wiederholen müssen.

Das Internat hat aktuell rund 110 Schülerinnen und Schüler. 

Lietz Internatsdorf Haubinda (Südthüringen)

Haubinda unterscheidet sich deutlich von den beiden reinen Internaten und nicht nur dadurch, dass das Angebot hier schon mit der 1. Klasse der Grundschule beginnt. Die gemischte Einrichtung hat 120 Internatschüler und weitere 280 „Tagesheimschüler“. Wie in einer Ganztagsschule sind sie von morgens bis ca. 16:00 Uhr anwesend, wohnen aber zuhause.

Das in dieser Art in Deutschland einzigartige Internatsdorf hat eine Fläche von 90 Hektar und verfügt über eine eigene Bio-Landwirtschaft. Dies eröffnet für die Jungen und Mädchen vielfältige Möglichkeiten sich aktiv einzubringen – ob in der Gärtnerei mit Gewächshaus, auf dem Bauernhof oder in einer Werkstatt. Wer hier seine Schulzeit absolviert, erfährt unmittelbar, was Nachhaltigkeit bedeutet.

Eine Besonderheit von Haubinda ist das Projekt „Schulstaat“, die demokratische Verwaltung der Einrichtung, besetzt mit Lehrern, Schülern und Mitarbeitern.

In Summe bieten die Lietz-Schulen an den drei Standorten die Bereiche, Grundschule, Haupt- und Realschule, Fachoberschule und Gymnasium an. Selbstverständlich sind alle Abschlüsse staatlich anerkannt.

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